18.04.2021

Fotografische Sinnkrise: Ästhetik oder Dokumentation?

Ja, es ist mal wieder Zeit für eine Sinnkrise.

In letzter Zeit habe ich viele Videos über Fotografie gesehen ‐ vor allem aus dem Grund, dass ich selbst gerne welche machen würde. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Es geht um Videos wie "7 Photography Mistakes I see all the time" und ähnliche Beiträge zum Thema Bildgestaltung. Die habe ich mir angeschaut und gedacht: Ja, weiß ich alles schon.

Und dann habe ich gedacht: Wenn ich das alles weiß, warum ignoriere ich es dann bei meinen eigenen Bildern? Würde ich meine Ansprüche an gelungene Landschaftsfotos auf meine Bilder anwenden, müsste ich 90% der Fotos aus meinem Blog rausschmeißen. Jetzt kämpfe ich mit der Frage: Will ich vor allem ästhetisch ansprechende Bilder machen oder lieber ein repräsentatives Gesamtbild meiner Wahlheimat vermitteln? Leider ist das eine Entweder-Oder-Frage.

Vor ein paar Tagen habe ich noch davon erzählt, wie mir die Analogkamera dabei hilft, weniger schlechte Digitalfotos zu machen. Aber das ist nicht die Lösung. Das Problem liegt tiefer.

Zeige ich zu viel?

Bisher habe ich es als mein Alleinstellungsmerkmal angesehen, eine große Vielfalt an Motiven zu zeigen und diese realistisch zu vermitteln. Die Foto-Landkarte sollte diesen Anspruch untermauern: Seht her, ich fotografiere nicht immer die gleichen Motive und nicht nur die Blockbuster, meine Fotografie steht für Vielfalt. Ich zeige auch die unspektakulären Orte, und ich zeige sie ungeschönt, aber trotzdem im besten Licht. Sogar eine Drohne habe ich angeschafft, um noch mehr Möglichkeiten bei der Wahl der Perspektive zu haben.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, eine große Auswahl an Orten zu zeigen, anstatt mich auf wenige Motive zu beschränken, die dafür besonders beeindruckend wären. Hinter dieser Entscheidung stehe ich weiterhin. Aber ich habe es in letzter Zeit (ach was, eigentlich schon immer) zu weit getrieben. Manche Orte funktionieren einfach nicht gut genug als Fotomotiv.

Das Problem vieler missglückter Landschaftsfotos ist einfach zu benennen: Sie wollen zu viel zeigen und wirken deshalb nicht harmonisch. Ein Fehler, den ich bis heute immer und immer wieder mache. Ich will zeigen, wie der Ort aussieht, wo ich extra hingefahren bin. Und am Ende veröffentliche ich dann eine Übersichtsaufnahme ohne richtigen Vordergrund, ohne richtiges Hauptmotiv, mit unausgewogenem Bildaufbau (hier: zu viel Himmel, so schön war der auch wieder nicht), ohne Tiefenwirkung und bei suboptimalem Licht, kurz: ein Bild, dass von vorne bis hinten nur ein Kompromiss ist. Ein Bild, bei dem ich, wenn es jemand anderes gemacht hätte, denken würde: Na ja, gut gemeint, aber nicht gut gemacht, das könnte ich besser.

Beim Furtwänglehof

Am selben Morgen bin ich dann noch ein paar Schritte spazieren gegangen und habe diese Detailaufnahme gemacht ‐ immer noch nicht perfekt, aber deutlich weniger misslungen. Das Licht ist interessanter, die Bildaufteilung klarer, und es ist nicht mehr drauf als nötig. Das Bild ist nicht so repräsentativ für diesen Ort, aber dafür ist es eins, bei dem ich mich im nachhinein nicht schäme, es veröffentlicht zu haben.

Furtwänglehof

Durch die Beiträge der letzten Monate in diesem Blog zu scrollen, das tut mir zunehmend weh. Ich versuche mir einzureden: "So schlimm ist es doch nicht". Aber es ist grausam. Dieser Beitrag hier zum Beispiel. Dreizehn Bilder sind da drin. Zwölf davon würde ich am liebsten sofort löschen. Ein gutes ist dabei. Ein Beitrag mit nur diesem einen Bild wäre viel mehr wert gewesen als einer mit zwölf weiteren Bildern, die die Gesamtqualität des Beitrags gnadenlos nach unten ziehen. Dieses eine Bild meine ich:

Fernhof

Wenn ich die anderen Bilder alle lösche, gibt es wieder mehr Lücken auf der Landkarte. Aber wen ‐ abgesehen von mir selbst ‐ würde das stören? Sehen sich die Orte nicht sowieso alle ähnlich? Hügel, Wälder und Schwarzwaldhöfe, wie es sie in dieser Region an jeder Ecke gibt?

Noch so ein Beispiel: dieser Beitrag. Vier völlig unbrauchbare Bilder und zwei mittelmäßige (die beiden letzten). Das Morgenrot war beeindruckend, aber ich hätte es woanders aufnehmen sollen. An diesem Ort hat es mehr kaputt gemacht, als es zur Bildwirkung beitragen konnte. Die Fotos sind ein heilloses Durcheinander von Farben und konkurrierenden Bildelementen.

Morgenstimmung, Landratshütte bei Hinterzarten

Die andere Seite

Nein, es ist nicht alles schlecht. Ich denke da an den Silvestermorgen 2020. Einer der beeindruckendsten Sonnenaufgänge des ganzen Jahres, und dazu lag noch frischer Schnee. Auf dem Feldberg hätte man grandiose Aufnahmen machen können. Absolut spektakulär. Ich habe solche Bilder von anderen Fotografen gesehen, die eine ziemlich weite Strecke dafür gefahren sind. Ich habe den Feldberg vor der Haustür und habe auf diese Super-Hammer-Bilder bewusst verzichtet, um eine weniger bekannte Ecke dieser Region, das Langenordnachtal, in diesem außergewöhnlichen Licht zu zeigen. Perfekte Fotos vom Feldberg kann jeder machen, aber diese Perspektive hier, die hat niemand außer mir in dieser Qualität im Portfolio.

Sonnenaufgang über dem Langenordnachtal

Andererseits: Bin ich mit meiner Herangehensweise "möglichst viele Orte zeigen" vielleicht doch eher ein blindes Huhn, das hier mal ein Korn gefunden hat? Habe ich in den letzten Monaten nicht doch enorm viel Potential für weniger repräsentative, aber dafür schönere Bilder verschenkt? Sollte ich bei meiner Motivauswahl radikal umdenken oder besser versuchen, die richtige Balance zwischen Dokumentation und Ästhetik zu finden? Soll ich wirklich meinen Blog konsequent ausmisten und vielleicht nicht 90, aber mindestens 50 Prozent der Bilder entsorgen? Würden sie irgendjemandem fehlen?

Oder habe ich nur zu hohe Ansprüche? Viele Fotografie-Anfänger wären doch froh, wenn sie solche Bilder hinbekommen würden, über die ich hier so gnadenlose Urteile fälle. Aber will man sich nach 15 Jahren Landschaftsfotografie wirklich noch mit Anfängern vergleichen? Wenn ich fotografisch vorankommen will, muss ich mich mit Leuten vergleichen, die bei dem Video, das ich oben verlinkt habe, ebenfalls denken: "Weiß ich". Und sich im Gegensatz zu mir auch daran halten.

Fazit

Fazit?

Keine Ahnung. Es war nur einmal nötig, diese ganzen Fragen niederzuschreiben, um sie ein bisschen zu ordnen.

Fest steht nur: So wie bisher geht es nicht weiter.

Ich werde mir die vielen aufgeworfenen Fragen noch eine Weile durch den Kopf gehen lassen. Und dann vielleicht ein Video darüber machen.


Kommentare

Christian
18.04.2021, 13:27

Hi unbekannterweise,
ich bin (wie wahrscheinlich viele bei dir) über das geniale Freiburg Foto auf dich gestoßen. Das war so faszinierend schön. Auch die Farben und Lichter haben mich fasziniert. In dem Bild hat deine Bearbeitung super funktioniert, weil sie der Stimmung auf dem Bild geholfen hat. Da du hier so offen fragst, kann ich dir vielleicht sagen (alles ist ja Geschmackssache), dass ich deine Nachbearbeitung (vor allem die Farben) bei Landschaftsbildern oft etwas überzogen (und damit eher unnatürlich) finde. Bei der Stadt hat das gut funktioniert (da keine Natur), bei reinen Naturbildern sieht es dann etwas künstlich aus. Das ist etwas schade, weil ich deine Motivwahl und die Bildkomposition sehr gelungen finde. So, jetzt hab ich aber getippt! :) Insgesamt finde ich deine Arbeit einfach toll und freue mich sehr auf weitere Bilder.
Gruß
Christian

Je We
18.04.2021, 19:33

Hallo Michael,

ich folge dir nun schon einige Zeit und seit ich dich im Dezember am Herzogenhorn getroffen habe noch etwas mehr.

Ich finde, du gehst mit dir zu hart ins Gericht.

Erstens zeigst du nicht zu viel und zweitens finde ich gerade die Mischung aus Ästhetik und Dokumentation gerade gut. Ich brauche nicht immer ein perfekt aufgebautes Bild und das tausend mal vom selben Hotspot.

Gerade die Bilder vom Morgenrot find ich zum Beispiel auch gelungen und finde gerade den Ort interessant. Die Hotspots dafür kennt eh jeder.

Und wenn mal ein Bild auf der Seite nicht den Ansprüchen genügt...was soll‘s?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder aus unterschiedlichsten Gründen jeweils andere Bilder als gelungen empfindet.

Fazit aus meiner Sicht für dich und diese Seite: Weiter so. Ich find es super!

Liebe Grüße Jens


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